Doppelstücke
Meine Hand ist motorisch. Sie will ihre Bewegungen wiederholen
und variieren. Mit Hilfe meiner Finger habe ich versucht, diese
Bewegungen als Abdruck aufzuzeichnen. Die beinahe gleiche Fingerbewegung
schafft, zweimal auf das Papier mit Tusche gedrückt, zwei Aufzeichnungen
- Zeichnungen, die große Ähnlichkeit aufweisen, aber
nie gleich sind. Wenn die Hand den Spachtel als Werkzeug ergreift,
verwandelt sich der Abdruck zu einem verbreiterten Strich. Hintereinander
habe ich links und rechts meine Bewegungen mit dem Spachtel wiederholt
- in der Hand liegt die Lebendigkeit, in der Farbmischung der Zufall.
Der Spachtel drückt die Farbe anders ab, liegen auch nur Sekunden
dazwischen. Je ähnlicher die beiden Bewegungsabdrücke
sind, je mehr wird man beim Betrachten die subtilen Unterschiede
entdecken. Das Auge vergleicht, indem es von einem Stück auf
das andere blickt. Die Erinnerung speichert das eine und legt es
zum Vergleich auf das andere. Gäbe es ein drittes oder viertes
Stück, wäre doch das Prinzip der Wiederholung schon in
den beiden vorigen enthalten. Die Serie beginnt immer mit zwei Teilen
- zwischen ihnen liegen die Variationen, die zum Vergleichen anregen.
Die Wiederholung erzeugt den Unterschied.
Eva-Maria Schön Juli 2000
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Was unternimmt Eva Maria Schön, wenn sie ansetzt? Mit minimalen
Mitteln hebt sie sich aus dem Kontinuum der Zeit heraus. Sie stellt
eine eigne Zeitsituation her und gibt Raum für Abläufe.
Die Abläufe streben gegen nichts als die Klarheit des Verlaufs
selbst. Bei aller Offenheit sind sie hochgradig kontrolliert, terminiert,
in dem Sinne, wie ein Singen oder Sprechen einer rhythmischen Organisation
bedürfen.
Im Verhältnis zur Bild- und Sprachwelt der Metaphern und Assoziationen
stellen sie aber zunächst Leerstellen her, Auslassungen. Die
Spur, die sie zieht, hält den größtmöglichen
Abstand zur persönlichen Ausdrucksspur. In dieser Hinsicht
enthält sie sich der Sprache. Es ist also denkbar, dass Schöns
Sequenzen ganz in der Verlaufsform aufgehen, allerdings unter präzisesten
Bedingungen. Sie sind Infinitive, die mit dem letzten, nur noch
schwach aufschimmernden Buchstaben enden und ebenso unerwartet wieder
beginnen.
Sie will nichts vertuschen. Während des Abdrucks liegen Kuppe,
Hand oder Finger auf. Dann beginnt dieses ‚Wegziehen’
vom Ausgangspunkt. Dazwischen ein Innehalten. Wenn Schöns Hand
anhält, stehen bleibt, unterbricht, zeichnen sich Ränder
ab. Intervalle bilden sich, die wie Gelenke die Glieder miteinander
verbinden.
Spuren entstehen durch Schieben, Drücken und Drehen der Auflagepunkte-
und Flächen. Die Sensomotorik zeugt organisch anmutende Gebilde.
Eine anfänglich klumpige Dichte setzt sich in Transparenz fort,
bis die Farbe fast ausgeht, und die Hand wieder abhebt, um dann
mit dem gleichen Konzept wiederanzusetzen. Die Berührung entfaltet
sich und hinterlässt die Spur der Farbe. Sie hält sich
in den genauen Grenzen der Bewegungsökonomie der Hand, die
auf die Fläche trifft. In diesem Handvokabular ergeben sich
daher Strecken oder Halbkreisformen. Der körperliche Einsatz
hört im wesentlichen am Ellenbogen auf. Sein Gelenk erlaubt
die größte Drehung im Verhältnis zu Hand- und Fingergelenken.
Einer entgegengesetzten Bewegung verdanken sich die geknüllten
Blätter: Die Hand presst das Papier zusammen, als wollte sie
etwas ausquetschen. Die willkürlichen Verfaltungen bringen
Teile, die sich in den Höhlungen verbergen, zum Verschwinden
und schaffen eine neue Plastizität und Oberfläche.
Das seismografische Handauflegen und Bewegen geschieht in Schüben
mit stotterndem Abbremsen gegen das Ende hin. So wächst das
Bild aus einem Tropfen Tusche oder Farbe. In gewisser Hinsicht dekomprimiert
Schön. Dabei ‚informiert’ sie das Ausgangsmaterial,
wenn darunter die Formung und Bildung durch Unterweisung zu verstehen
ist. Sie drückt, schiebt und zieht es in Länge und Breite.
Sie nimmt den breiten Spachtel hinzu, verzichtet auf die rundlichen
Wölbungen von Fingerkuppe und Handballen, und es entstehen
fächerartige, plissierte Flächen. Es entstehen Seitenansichten
von Verläufen wie in durchscheinenden Räumen. Die ‚Klärung’
des kompakten Tropfens verdankt sich allein der Manipulation des
Auseinanderziehens.
Das Auseinanderziehen ist ein Wegziehen in eine Richtung. ‚Auseinander’
verweist auf den bestehenden Zusammenhang der Teile. Der Weg des
‚Wegziehens’ unter Ausschluss von Ausdrucksabsichten
stellt einen Streckenabschnitt von Abstraktion dar.
Das Raumgewinnen im Wegziehen zeitigt ein Ergebnis, das dem Wachstum
von Gebilden höchst ähnlich ist. Stufungen und Strukturierungen
ergeben sich durch das Stocken und Anhalten, durch Druck- und Richtungsveränderungen.
Ein zeitlicher Mikrokosmos öffnet sich.
Der Vorgang lässt sich auch rückwärts denken, was
am schlüssigsten über einen umgekehrt laufenden Film denkbar
wäre. Der Film, der ja selbst in fast unsichtbaren ruckartigen
Einzelbildern abläuft, würde das Wiedereinkehren und Verschwinden
des Gebildes zurück in den Tropfen zeigen. Der kleinste Tropfen
als Minimum enthält also eine Zeichenwelt! Sie liegt zusammengefaltet
und geknüllt latent im Tropfen...
In ihren mikrofotografischen Arbeiten wendet Schön den Blick
auf tatsächliche Wassertropfen, die sie als Proben verschiedenen
Gewässern entnimmt. Diese Mikrowelten sind ihr ‚innere
Gärten’:„Die Komplexität der Mikrowelt ist
eine ins Innere gehende Verdichtung von Garten – der äußere
Garten setzt den inneren voraus...erweitert auf sämtliche Mikroorganismen
kann man sagen, dass es überall innere Gärten gibt, wie
etwa Kristalle oder Bodenorganismen..“ (Schön, in Kunstforum
Bd.145 Mai-Juni 1999)
Manchmal stellt sie die vergrößerten Mikrofotografien
unmittelbar neben den Gewässern, denen sie entstammen, aus.
Aber wehe dem, der darin ein Aufzeigen sieht: „Sie sind Bild
und bleiben dem Element Wasser gegenüber distanziert“.
(Schön, s.o.)
Es ereignet sich jedoch eine subtile Brechung anderer Art.
Bei dieser installativen Hängung des Wasserbildes z.B. am Rand
des Beckens, dem es entnommen wurde, hat nur der Betrachter den
Blick auf das durch die schwankend-flüssige Wasseroberfläche
reflektierte und verzogene Abbild, das als Hülle entfaltet
darauf treibt – da und doch zugleich entmaterialisiert in
transparenten Turbulenzen.....
Christine Hoffmann
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Ökonomie
Das HANDVOKABULAR von Eva-Maria Schön resultiert aus einer
Ökonomie künstlerischen Gestaltens. Wir sehen die sensomotorische
Spur ihrer Hand, die auf der glatten Oberfläche eines Kartons
verdünnte dunkle Farbe aufgetragen hat. Nicht spontan gestisch,
sondern einer Bewegungspartitur gehorchend, die die Künstlerin
festgelegt hat:
`Der ganze Zeigefinger dreht sich halb um seinen Ballen, dann setzt
die Zeigefingerspitze auf, und der Handballen dreht sich um die
Spitze, dann dreht sich auch der Zeigefinger wieder um den Ballen.´
Richtung, Kraft, Geschwindigkeit und Zeit sind die Parameter dieses
Vorgangs. Sichtbar wird das bildliche Echo, eine seismografische
Aufzeichnung, in der sich der wechselnde Druck der Hand auf die
Farbe,ein spontanes Verharren und rasches Wischen, jene stockend-fließende
Rhythmik der Bewegung, die körpereigene Vibration und die individuelle
Beschaffenheit des organischen Werkzeugs, der Hand, unmittelbar
manifestiert. Das Geschehen tritt durch die Form in Erscheinung.
Die Form gewinnt durch den Wechsel von dichten dunklen und grautonig
transparenten Farbzonen eine biomorphe Körperhaftigkeit, die
aus der Handlungsaufzeichnung erwächst.
Kontrolle- Es ist naturwissentschaftliche Neugier, die das künstlerische
Konzept von Eva-Maria Schön grundiert. Sie wiederholt in einer
experimentellen Reihung die sekundenschnellen Bewegungsabläufe,
fasziniert von der stets ungleichen Ähnlichkeit der geschaffenen,
organisch anmutenden Strukturen. Sie ist auf der Suche nach einer
Gesetzmäßigkeit von kreativem Akt und kreatürlichem
Ausdruck. Die Lust der Entdeckung vereint sich dabei mit einem Gewinn
an Freiheit durch die Wiederholbarkeit der Handlung. Sie kann jederzeit
auf gleiche Weise mit jeweils neuen Ergebnissen vollführt werden.
Die Künstlerin begreift Wiederholung als konstitutiven Teil
des Lebens, in dem Formen wie Vorgänge einander entsprechen:
So wie sich Grashalme in dem Maße gleichen wie ein Lidaufschlag
dem nächsten- und doch nie identisch sind. Die Formenpaare
weisen, bei aller ausgeübter Kontrolle im Entstehungsprozess,
genau jene Komplexität der minimalen Variation auf, die der
Natur innewohnt.
Parallelität- Die Tuscheabdrücke des HANDVOKABULARS erinnern
in ihrer präzisen Erfassung der Details an mikroskopische Aufnahmen,
Röntgenbilder oder Fotogramme. Gegenstandslos und doch konkret
in der Assoziation vermeint man die Struktur von Haaren, eine fossile
Seelilie, das Blatt eines Ginkobaumes oder etwa das Sprosstück
des Winter-Schachtelhalms zu erkennen, wie ihn Karl Blossfeldt für
seine ´Urformen der Kunst´ abgelichtet hat. Mit der
Systematik eines Lehrbuches der Botanik werden die Gestaltungen
paarweise geordnet. Erst in der direkten Gegenüberstellung
gewinnen die Formen ihre Identität, im Vergleich werden sie
jeweils als Unikat erkennbar. Diese Varietät und die morphologischen
Parallelen zu Naturformen reflektieren unmittelbar die Bedeutung
des Schaffensprozesses an sich: Rationale Handlungen unterliegen
der Eigendynamik alles Organischen, so auch des Künstlers Hand.
Ralf Burmeister
,Nach der Natur, Berlinische Galerie, 2002Ök
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